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18.09.2026

September-Treffen – Ein Buch, ein Schulkonflikt und ein langer Atem

SHG-Treffen 18. September 2026

Vier Themen haben unser September-Treffen gefüllt: ein Buch, das uns gespalten hat, der Dauerbrenner Schule, die Frage nach der richtigen Therapie – und ein Mangel, über den wir viel zu selten sprechen: Sport.

„Strong Female Character“ von Fern Brady – ein Happy End?

Wir hatten uns vorgenommen, das Buch der schottischen Comedian Fern Brady zu besprechen – ihre Autobiografie über ein Leben mit spät diagnostiziertem Autismus. Die Frage, an der wir uns festgebissen haben, war eine ganz einfache: Hatte dieses Buch eigentlich ein glückliches Ende? Da waren wir uns nicht einig.

Für ein Ja sprach viel. Die „Heldin“ hat am Ende sehr viel über ihren Autismus gelernt. Sie kennt ihre Grenzen. Sie versteht, warum manche Dinge in ihrem Leben sie so gefordert haben – und, fast noch wichtiger, warum sie es immer wieder geschafft hat, aus diesen Situationen wieder herauszukommen. Dazu kommt ein neuer Blick auf das komplizierte Verhältnis zu ihren Eltern. Diese zusätzliche Perspektive, dieses Einordnen-Können, ist ein echter Gewinn. Wer sich selbst versteht, muss sich nicht mehr ständig gegen sich selbst wehren.

Und trotzdem blieb bei uns etwas zurück. Denn wir lesen dieses Buch als neurotypische Eltern – und aus dieser Perspektive ist manches schlicht frustrierend. Zum Beispiel, wenn sie feststellt, dass sie wahrscheinlich nie dauerhaft mit jemandem auf engem Raum zusammenleben kann. Für sie ist das eine nüchterne Erkenntnis über sich selbst. Für uns, die wir auf unsere Kinder schauen und uns fragen, wie ihr Leben in zwanzig Jahren aussehen wird, klingt es erst einmal nach einem Verzicht.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Was für uns nach Verzicht klingt, kann für sie die Lösung sein.

Vielleicht ist ein glückliches Ende ja gar nicht das Leben, das wir uns für unsere Kinder ausgemalt haben – sondern das Leben, in dem sie sich selbst kennen und sich danach einrichten dürfen. Zu einer gemeinsamen Antwort sind wir an diesem Abend nicht gekommen. Aber die Diskussion darüber war eine der ehrlichsten seit Langem.

Nachteilsausgleich, Schulbegleitung – und der Haken am Hybridunterricht

Danach ging es um ein Thema, das uns praktisch jeden Monat einholt: die Schule. Diesmal konkret um Nachteilsausgleich und Schulbegleitung – und um einen Konflikt, der schwerer zu lösen ist, als er auf den ersten Blick aussieht.

Viele unserer Kinder brauchen hybriden Unterricht. Nicht als Bequemlichkeit, sondern als Notwendigkeit: Sie müssen sich zwischendurch aus dem Unterricht zurückziehen und zwei, drei Tage zu Hause Energie tanken können. Wer das nicht kann, fährt irgendwann gegen die Wand.

Nur gerät genau das in Konflikt mit der Schulbegleitung. Denn eine Schulbegleitung darf in der Regel nicht zu Hause assistieren. Bleibt das Kind daheim, fallen die Stunden weg. Für die Begleitperson bedeutet das: weniger Stunden, weniger Verdienst – und irgendwann ist die Stelle schlicht nicht mehr lukrativ genug. Am Ende verlieren alle: Die Schulbegleitung verliert ihre Existenzgrundlage, das Kind verliert einen vertrauten Menschen, und die Familie verliert die mühsam erkämpfte Unterstützung.

Die aus unserer Sicht beste Lösung wäre, die Unterstützung auch zu Hause zu erlauben. Denn das Missverständnis liegt in der Annahme, ein Kind, das zu Hause lernt, könne sich selbst organisieren. Das können längst nicht alle. Sehr wohl aber haben sie den Bedarf, sich aus der Präsenz im Unterricht zurückziehen zu dürfen. Beides schließt sich nicht aus – im Gegenteil: Gerade das Kind, das eine Auszeit vom Klassenraum braucht, braucht in dieser Auszeit oft besonders viel Struktur.

Ein Mitglied brachte noch eine ganz pragmatische Idee ein, auf die es hofft: eine Art Sharing-Modell. Zwei Familien teilen sich eine Schulbegleitung und teilen die Tage im Kalender untereinander auf. Das eine Kind ist montags und dienstags in der Schule, das andere mittwochs und donnerstags – und die Begleitperson hätte trotzdem eine ausgefüllte Stelle. Ob das im bestehenden System umsetzbar ist, wissen wir nicht. Aber es ist genau die Art von Idee, die entsteht, wenn Eltern zusammensitzen und sich nicht mit einem „Geht nicht“ zufriedengeben.

Therapien – ein Marathon, kein Sprint

Der dritte Block des Abends drehte sich um Therapieformen: Welche gibt es überhaupt? Und vor allem – warum glauben wir eigentlich, dass uns ausgerechnet Ergotherapie hilft? Wir haben zusammengetragen, welche Erfolge wir tatsächlich sehen und woran wir Fortschritte bei unseren Kindern festmachen. Einen Überblick über die gängigen Angebote findet ihr auch in unserem FAQ unter Therapie- und Fördermöglichkeiten.

Offen geblieben ist die Frage nach der richtigen Therapieform bei Mutismus: Logopädie oder Verhaltenstherapie? Die Erfahrungen in der Runde gingen auseinander, und eine eindeutige Antwort haben wir nicht gefunden. Wer dazu etwas beitragen kann, ist beim nächsten Treffen herzlich willkommen.

Einig waren wir uns dagegen bei etwas anderem – und das war vielleicht die wichtigste Erkenntnis des Abends:

Therapie ist ein Marathon, kein Sprint.

Oft dauert es ein ganzes Jahr, bis zwischen Therapeutin oder Therapeut und unserem Kind eine wirklich tragfähige Beziehung entstanden ist. Ein Jahr, in dem von außen betrachtet scheinbar wenig passiert. Und die richtig großen Erfolge zeigen sich erst nach mehreren Jahren konsistenter Therapiearbeit.

Das zu wissen, nimmt eine Menge Druck heraus. Denn wer nach drei Monaten enttäuscht abbricht, weil „ja doch nichts passiert“, wirft genau die Phase weg, auf der alles Weitere aufbaut. Der Beziehungsaufbau ist Teil der Therapie – nicht das Vorspiel dazu.

Sportangebote – zu wenige, und zu viel Leistung

Zum Schluss ein Thema, das in unserer Region besonders weh tut: Sportangebote. Es gibt viel zu wenige – und die, die es gibt, sind stark auf Leistungssport ausgerichtet. Wettkampf, Tabelle, Trainingsplan, Vereinsmeisterschaft.

Genau das ist für viele unserer Kinder das Gegenteil von dem, was sie brauchen. Sie brauchen eine Umgebung, in der sie zuerst die Freude an der Bewegung entdecken dürfen. Eine Umgebung, in der auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird: weniger Reizdruck, klare und vorhersehbare Abläufe, kein Zwang zu Körperkontakt, die Möglichkeit auszusteigen, ohne dass es als Versagen gilt – und Trainerinnen und Trainer, die verstehen, warum ein Kind erst einmal am Rand steht.

Dass Bewegung gerade für autistische Kinder wertvoll ist – für Körperwahrnehmung, Regulation und Selbstwirksamkeit – ist unbestritten; wir haben dazu einen eigenen Artikel: Welche Rolle spielen Bewegung und Sport für autistische Kinder? Umso bitterer ist es, dass der Zugang dazu so oft an der Struktur der Angebote scheitert und nicht am Kind.

Falls jemand in Nordwestmecklenburg ein Sportangebot kennt, das niedrigschwellig und ohne Leistungsdruck arbeitet: Sagt uns Bescheid. Wir nehmen es gern in unsere Linksammlung auf.

Was bleibt

Vier große Themen an einem Abend – und zu keinem davon haben wir die endgültige Lösung gefunden. Aber wir sind ein Stück schlauer nach Hause gegangen, als wir gekommen sind. Genau dafür sind wir da.

Das Oktober-Treffen am 16. Oktober fällt leider aus. Wir sehen uns dafür wieder am 20. November um 18:00 Uhr online – und freuen uns wie immer über neue Gesichter.