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Diagnoseverfahren bei Autismus: ADOS-2, ADI-R und die gängigsten Instrumente

Wenn der Verdacht auf Autismus im Raum steht, folgt oft eine Reihe von Untersuchungen mit fremd klingenden Abkürzungen: ADOS-2, ADI-R, SRS, M-CHAT. Für Eltern wirkt das schnell unübersichtlich. Dieser Artikel erklärt die gängigsten Diagnoseverfahren, was sie jeweils leisten und wie sie zusammenspielen. Er ist die Vertiefung zu unserem Überblick „Wie läuft der Diagnoseprozess bei Kleinkindern ab?“.

Das Wichtigste vorweg

Kein einzelner Test kann Autismus „beweisen“. Die Diagnose ist eine klinische Gesamteinschätzung, die erfahrene Fachleute aus vielen Bausteinen zusammensetzen: Beobachtung, Gespräche, Fragebögen, Entwicklungstests und körperliche Abklärung. Die Verfahren sind Werkzeuge, die diese Einschätzung stützen – sie ersetzen sie nicht.

ADOS-2 – die strukturierte Verhaltensbeobachtung

Der ADOS-2 (Autism Diagnostic Observation Schedule, zweite Auflage) gilt zusammen mit dem ADI-R als internationaler „Goldstandard“ der Autismusdiagnostik. Es handelt sich um eine standardisierte Beobachtung: Die untersuchende Person schafft in einer halbstrukturierten Situation gezielt Gelegenheiten für soziale Interaktion, Kommunikation und Spiel – und beobachtet, wie die Person darauf reagiert.

Der ADOS-2 ist in verschiedene Module aufgeteilt, die nach Alter und Sprachvermögen ausgewählt werden – vom Kleinkind-Modul („Toddler“) für sehr junge Kinder bis zu Modul 4 für sprachlich gewandte Jugendliche und Erwachsene. Ein Durchgang dauert etwa 40 bis 60 Minuten. Beobachtet werden zum Beispiel Blickkontakt, gemeinsames Aufmerksamkeitsverhalten, Gestik, das Erzählen einer Geschichte oder der Umgang mit Spielmaterial.

ADI-R – das ausführliche Elterninterview

Während der ADOS-2 das Hier und Jetzt beobachtet, blickt das ADI-R (Autism Diagnostic Interview – Revised) in die Entwicklungsgeschichte. Es ist ein sehr ausführliches, strukturiertes Interview mit den Eltern oder engen Bezugspersonen und dauert oft zwei bis drei Stunden.

Gefragt wird detailliert nach der Entwicklung in drei Bereichen: soziale Interaktion, Kommunikation und Sprache sowie wiederkehrende Verhaltensweisen und besondere Interessen. Ein Schwerpunkt liegt auf der frühen Kindheit (oft rund um das vierte bis fünfte Lebensjahr), weil sich viele Merkmale dort besonders deutlich zeigen. Die Erinnerungen der Eltern sind hier eine zentrale Informationsquelle.

Warum beide Verfahren zusammen?

ADOS-2 und ADI-R ergänzen sich: Das eine zeigt, wie sich ein Mensch aktuell in einer Beobachtungssituation verhält, das andere, wie sich seine Entwicklung über die Zeit gestaltet hat. Erst zusammen ergeben sie ein rundes Bild. Ein einzelner „auffälliger“ oder „unauffälliger“ Wert entscheidet nie allein.

Screening-Fragebögen – die Vorstufe

Bevor eine aufwendige Diagnostik startet, kommen oft kurze Screening-Instrumente zum Einsatz. Sie stellen keine Diagnose, sondern geben einen ersten Hinweis, ob eine genauere Abklärung sinnvoll ist. Zu den gängigsten gehören:

  • M-CHAT-R/F – ein Fragebogen für Eltern von Kleinkindern (etwa 16 bis 30 Monate), häufig in der kinderärztlichen Früherkennung.
  • SCQ / FSK (Social Communication Questionnaire bzw. Fragebogen zur Sozialen Kommunikation) – ein an das ADI-R angelehnter Elternfragebogen als Screening.
  • SRS (Social Responsiveness Scale) – erfasst soziale und kommunikative Besonderheiten über Fremdeinschätzung durch Eltern oder Lehrkräfte.
  • AQ (Autismus-Spektrum-Quotient) – ein Selbstauskunftsbogen, vor allem bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen genutzt.

Wichtig: Ein unauffälliges Screening schließt Autismus nicht sicher aus – und ein auffälliges beweist ihn nicht. Screenings sind Wegweiser, keine Urteile.

Ergänzende Untersuchungen

Eine gute Diagnostik schaut über die autismusspezifischen Instrumente hinaus. Üblich sind:

  • Entwicklungs- und Intelligenzdiagnostik (z. B. Wechsler-Tests, SON-R, Bayley oder ET 6-6) – um den Entwicklungsstand einzuordnen, unabhängig von der Autismusfrage.
  • Sprach- und Kommunikationsdiagnostik.
  • Medizinische Abklärung – etwa Hörtest, körperliche und neurologische Untersuchung, teils genetische Beratung, um andere Ursachen auszuschließen.
  • Differenzialdiagnostik – die Abgrenzung von bzw. das Erkennen zusätzlicher Themen wie AD(H)S, Angst, einer Sprachentwicklungsstörung oder einer Traumafolge.

All diese Puzzleteile fließen zusammen. Erst aus dem Gesamtbild leiten Fachärztinnen, Ärzte oder klinische Psychologinnen und Psychologen eine Diagnose ab – in Deutschland orientiert an der S3-Leitlinie zur Autismus-Spektrum-Störung und an den Diagnosekriterien von ICD-11 bzw. DSM-5.

Die Grenzen der Verfahren

So hilfreich diese Instrumente sind – sie haben blinde Flecken, die man kennen sollte. Viele wurden ursprünglich vor allem an Jungen entwickelt und normiert. Dadurch übersehen sie häufiger Menschen, deren Autismus sich weniger stereotyp zeigt – insbesondere Mädchen und Frauen sowie Menschen, die gelernt haben, ihre Besonderheiten zu überdecken („Masking“). Auch bei Erwachsenen und bei sprachlich sehr starken Personen stoßen die klassischen Verfahren an Grenzen.

Das bedeutet nicht, dass die Verfahren schlecht sind – aber ein „unauffälliges“ Testergebnis ist kein Freibrief. Wenn der Alltag und die Erfahrungen eine andere Sprache sprechen, lohnt es sich, hartnäckig zu bleiben und eine erfahrene, autismusfreundliche Diagnostikstelle aufzusuchen. Sie wird die Zahlen immer im Zusammenhang mit dem echten Leben lesen.

Eine Diagnostik ist am Ende kein Aussortieren nach Punktwerten, sondern der Versuch, einen Menschen wirklich zu verstehen. Die Verfahren sind dabei wertvolle Hilfsmittel – aber das letzte Wort haben nie die Instrumente, sondern die sorgfältige fachliche Einschätzung im Gespräch mit der Familie.

Quellen

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