Wie loslassen als Eltern und trotzdem unterstützen?
Als Eltern eines autistischen Kindes habt ihr wahrscheinlich jahrelang um Diagnosen gekämpft, Förderanträge geschrieben, Schulbegleitung organisiert und euer Kind durch schwierige Phasen begleitet. Und jetzt soll man loslassen? Das ist leichter gesagt als getan – und trotzdem einer der wichtigsten Schritte für beide Seiten.
Loslassen ist ein Prozess
Loslassen bedeutet nicht, von heute auf morgen alles abzugeben. Es ist ein schrittweiser Prozess, der für Eltern und das erwachsene Kind gleichermaßen eine Umstellung bedeutet:
- Schrittweise mehr Eigenverantwortung übergeben: Nicht alles auf einmal, sondern Bereich für Bereich. Erst die Wäsche, dann die Finanzen, dann die Arzttermine.
- Gemeinsam Ziele besprechen: Was möchte euer erwachsenes Kind selbst übernehmen? Was fällt noch schwer? Dieser Dialog ist wichtiger als jeder Plan.
- Rückschritte akzeptieren: Manche Phasen laufen gut, andere nicht. Das ist normal und kein Grund, wieder alles zu übernehmen.
Unterstützung anbieten, nicht aufdrängen
- Nachfragen statt bestimmen: "Brauchst du Hilfe?" statt "Ich mache das für dich." Dieser Unterschied ist entscheidend für die Selbstständigkeit.
- Hilfe auf Abruf: Signalisiert, dass ihr da seid, wenn Unterstützung gebraucht wird – aber wartet, bis sie angefragt wird.
- Grenzen respektieren: Wenn euer erwachsenes Kind sagt, es schafft etwas allein, dann lasst es das versuchen – auch wenn es euch schwerfällt.
Fehler zulassen
Das ist vielleicht der schwierigste Teil: Zuzusehen, wie das eigene Kind Fehler macht. Aber genau das gehört zum Erwachsenwerden dazu.
- Aus Fehlern lernen ist ein wichtiger Entwicklungsschritt – auch und gerade für autistische Menschen
- Nicht jeder Fehler ist eine Katastrophe. Viele Probleme lassen sich nachträglich lösen.
- Eure Aufgabe ist es, ein Sicherheitsnetz zu sein – nicht, jeden Fehler im Voraus zu verhindern
Professionelle Unterstützung entlastet alle
Ihr müsst nicht alles allein stemmen – und euer erwachsenes Kind auch nicht. Professionelle Angebote können die Familie enorm entlasten:
- Ambulant betreutes Wohnen (ABW): Regelmäßige Unterstützung im eigenen Zuhause – bei Haushalt, Behörden, Alltagsstruktur
- EUTB (Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung): Kostenlose Beratung für euer Kind und für euch als Eltern
- Autismus-Therapie-Zentren (ATZ): Therapie und Begleitung speziell für autistische Menschen
- Persönliches Budget: Euer erwachsenes Kind kann damit selbst entscheiden, welche Unterstützung es einkauft
Euer eigenes Leben pflegen
- Nach Jahren intensiver Begleitung ist es Zeit, auch an euch selbst zu denken
- Pflegt eigene Hobbys, Freundschaften und Interessen
- Eine Paarbeziehung braucht ebenfalls Aufmerksamkeit, wenn jahrelang das Kind im Mittelpunkt stand
- Ihr seid nicht weniger gute Eltern, wenn ihr euer Kind weniger unterstützt – im Gegenteil
Vertrauen entwickeln
Vertrauen in die Fähigkeiten eures erwachsenen Kindes zu entwickeln ist ein Lernprozess – für euch. Euer Kind kann mehr, als ihr vielleicht denkt. Gebt ihm die Chance, das zu zeigen.
Der Übergang gelingt besser, wenn er rechtzeitig geplant wird – am besten schon ab dem 16. Lebensjahr. Selbsthilfegruppen wie unser Elternkreis bieten einen geschützten Raum, um sich mit anderen Eltern in ähnlicher Situation auszutauschen. Ihr seid nicht allein mit diesen Fragen.
Quellen
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