Welche Therapien sind im Erwachsenenalter hilfreich?
Auch im Erwachsenenalter können Therapien autistischen Menschen helfen – sei es bei der Alltagsbewältigung, bei Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst oder einfach dabei, das eigene Autismus-Sein besser zu verstehen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Therapieform, sondern vor allem, dass die behandelnde Person Autismus versteht.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die kognitive Verhaltenstherapie ist die am besten erforschte Therapieform für autistische Erwachsene. Die S3-Leitlinie zur Autismus-Diagnostik und -Therapie empfiehlt eine angepasste Verhaltenstherapie. Wichtig dabei:
- Der Therapeut sollte Erfahrung mit Autismus haben und die Therapie entsprechend anpassen
- KVT kann bei Angststörungen, Depressionen und sozialen Schwierigkeiten helfen
- Die Methoden müssen an autistische Denk- und Wahrnehmungsweisen angepasst werden – zum Beispiel weniger Metaphern, mehr konkrete Strategien
- KVT wird von der Krankenkasse bezahlt
Ergotherapie
Ergotherapie unterstützt bei der praktischen Alltagsbewältigung und kann gerade für junge Erwachsene sehr wertvoll sein:
- Strukturierung des Alltags: Tagesplanung, Haushaltsführung, Zeitmanagement
- Sensorische Integration: Umgang mit Reizüberflutung und Entwicklung von Strategien
- Arbeitsplatzanpassung: Unterstützung bei der Gestaltung des Arbeitsumfelds
- Wird ärztlich verordnet und von der Krankenkasse übernommen
Autismus-spezifische Therapie (ATZ)
Die Autismus-Therapie-Zentren (ATZ) bieten eine speziell auf autistische Menschen zugeschnittene Therapie an:
- Therapeuten haben fundierte Autismus-Expertise
- Individuelle Förderung in Bereichen wie Kommunikation, Sozialkompetenz und Selbstständigkeit
- Finanzierung meist über Eingliederungshilfe (Antrag beim Sozialamt)
- Deutschlandweit gibt es ATZ – eine Übersicht findest du bei autismus Deutschland e.V.
Coaching und Beratung
Nicht alles muss eine "Therapie" sein. Manchmal ist ein Coaching oder eine Beratung passender:
- Autismus-Coaching: Praktische Unterstützung im Alltag, im Beruf oder im Studium – lösungsorientiert und auf Augenhöhe
- Peer-Beratung: Beratung durch andere autistische Menschen, die aus eigener Erfahrung sprechen (z.B. über die EUTB)
- Coaching pathologisiert nicht, sondern setzt an den Stärken an
Psychotherapie bei Begleiterkrankungen
Viele autistische Erwachsene haben Begleiterkrankungen, die eigenständig behandelt werden sollten:
- Depression und Angststörungen kommen bei autistischen Menschen deutlich häufiger vor
- Auch hier gilt: Der Therapeut muss Autismus verstehen, sonst kann die Therapie mehr schaden als nutzen
- Medikamentöse Behandlung kann ergänzend sinnvoll sein – in Absprache mit einem erfahrenen Psychiater
Die Wartezeiten für Therapieplätze liegen oft zwischen 3 und 12 Monaten – besonders bei Therapeuten mit Autismus-Erfahrung. Melde dich deshalb frühzeitig an, am besten bei mehreren Praxen gleichzeitig. Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116 117) kann bei der Suche helfen.
Eine Therapie bei einem Therapeuten ohne Autismus-Wissen kann schaden – zum Beispiel, wenn autistisches Verhalten als "Widerstand" interpretiert oder Masking als Therapieerfolg gewertet wird. Frage beim Erstgespräch gezielt nach der Erfahrung mit autistischen Erwachsenen.
Quellen
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