Was bedeutet Self-Advocacy und warum ist es wichtig?

Self-Advocacy — auf Deutsch Selbstvertretung — bedeutet, für die eigenen Bedürfnisse, Rechte und Interessen einzutreten. Für autistische Menschen ist dies besonders wichtig, da ihre Bedürfnisse in einer neurotypisch geprägten Gesellschaft oft übersehen oder missverstanden werden. Das Motto der Bewegung lautet: „Nichts über uns ohne uns!"

Was bedeutet Self-Advocacy konkret?

  • Die eigenen Bedürfnisse kennen und benennen: Verstehen, was man braucht, und es anderen mitteilen können — sei es am Arbeitsplatz, in der Arztpraxis oder im Freundeskreis
  • Rechte kennen und einfordern: Wissen, welche gesetzlichen Ansprüche bestehen (SGB IX, AGG, UN-Behindertenrechtskonvention) und diese aktiv nutzen
  • Grenzen setzen: „Nein" sagen lernen, wenn Situationen überfordern oder Rechte verletzt werden
  • An Entscheidungen teilhaben: Bei allen Entscheidungen, die das eigene Leben betreffen, mitbestimmen

Die Selbstvertretungsbewegung

Die autistische Selbstvertretungsbewegung hat ihre Wurzeln in der breiteren Behindertenbewegung. Das Internet hat autistischen Menschen eine Stimme und Sichtbarkeit verliehen. Durch Online-Selbstvertretung diskutieren autistische Menschen über Terminologiefragen, Diagnostik, die Rolle von Experten in ihrem Leben und die Bedeutung der Neurodiversität.

Wichtige Organisationen in Deutschland

  • Aspies e.V.: Eine der ältesten Selbstvertretungsorganisationen autistischer Menschen in Deutschland
  • NeuroDivers e.V.: Seit 2019 aktiv als Interessenvertretung, die das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmtheit von Menschen im Autismus-Spektrum stärkt
  • autSocial e.V.: Engagiert sich für die Rechte autistischer Menschen und organisiert Selbsthilfe

Self-Advocacy im Alltag praktizieren

  • Beim Arzt: Spezifische Bedürfnisse benennen (z. B. längere Wartezeit vermeiden, reizarmes Wartezimmer, schriftliche Informationen)
  • Am Arbeitsplatz: Anpassungen einfordern, die Ihnen zustehen (Reizreduktion, flexible Zeiten, klare Kommunikation)
  • In Behörden: Begleitperson mitnehmen, schriftliche Anträge statt mündlicher Erklärungen nutzen
  • In sozialen Situationen: Eigene Grenzen kommunizieren, ohne sich rechtfertigen zu müssen

Politische Teilhabe

Self-Advocacy geht über den persönlichen Bereich hinaus. Autistische Menschen engagieren sich zunehmend in Behindertenbeiräten, politischen Gremien und Interessenverbänden, um strukturelle Veränderungen zu bewirken. Die UN-Behindertenrechtskonvention (Art. 4 Abs. 3) fordert ausdrücklich die Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in alle sie betreffenden Entscheidungsprozesse.