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Was ist das Double Empathy Problem?

Jahrzehntelang galt es als gesichert: Autistische Menschen hätten ein Defizit in der Empathie, könnten die Gefühle anderer nicht verstehen und seien deshalb in der sozialen Kommunikation eingeschränkt. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert – nicht zuletzt durch eine Theorie, die die Perspektive umkehrt: das Double Empathy Problem.

Das traditionelle Bild: Autismus als Empathie-Defizit

Die ältere Autismusforschung ging davon aus, dass autistischen Menschen eine grundlegende Fähigkeit fehlt: die sogenannte Theory of Mind – also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gedanken, Gefühle und Absichten zu erkennen. Diese Annahme prägte Diagnosekriterien, Therapieansätze und das öffentliche Bild von Autismus über Jahrzehnte.

Die Konsequenz war einseitig: Autistische Menschen sollten lernen, nicht-autistische Kommunikation zu verstehen und nachzuahmen. Therapien wie ABA (Applied Behavior Analysis) trainierten „soziale Kompetenzen“ – was in der Praxis oft bedeutete, autistisches Verhalten zu unterdrücken und nicht-autistisches Verhalten zu imitieren. Die Verantwortung für gelingende Kommunikation lag ausschließlich bei der autistischen Person.

Wichtig zu unterscheiden: Empathie hat verschiedene Dimensionen. Kognitive Empathie bedeutet, die Perspektive einer anderen Person zu erkennen. Affektive Empathie bedeutet, emotional mitzufühlen. Forschung zeigt, dass autistische Menschen oft eine hohe affektive Empathie haben – sie fühlen intensiv mit –, während die kognitive Empathie anders funktionieren kann. Ein „pauschales Empathie-Defizit“ ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Damian Miltons Theorie: Das Problem ist gegenseitig

Im Jahr 2012 veröffentlichte der britische Soziologe und Autismusforscher Damian Milton – selbst autistisch – seine Theorie des Double Empathy Problem. Die Kernaussage: Wenn autistische und nicht-autistische Menschen Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen, dann ist das kein einseitiges Defizit der autistischen Person, sondern ein gegenseitiges Missverständnis.

Milton argumentiert: Nicht-autistische Menschen haben genauso große Schwierigkeiten, die Perspektive autistischer Menschen einzunehmen, wie umgekehrt. Der Unterschied ist nur, dass die nicht-autistische Kommunikationsweise als „normal“ gilt – und die autistische als „gestört“. In Wirklichkeit handelt es sich um zwei verschiedene Kommunikationsstile, die aufeinandertreffen.

Ein Beispiel: Ein autistisches Kind spricht ausführlich über sein Spezialinteresse – sagen wir, Zugtypen der Deutschen Bahn. Nicht-autistische Gesprächspartner empfinden das oft als „einseitig“ oder „unangemessen“. Aber aus der Perspektive des Kindes ist das Teilen von Wissen eine tiefe Form der sozialen Verbindung. Das Kind teilt etwas, das ihm wichtig ist – eine Einladung zur Beziehung, die nur nicht als solche erkannt wird.

Die Analogie der kulturellen Verständigung

Milton vergleicht die Situation mit der Begegnung zweier Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen. Wenn ein Japaner und ein Brasilianer sich treffen und Kommunikationsprobleme haben, würde niemand sagen, einer von beiden habe ein „soziales Defizit“. Beide bringen unterschiedliche Kommunikationsnormen mit, und beide müssen sich bemühen, die andere Seite zu verstehen. Genau so verhält es sich – so Milton – zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen.

Was sagt die Forschung?

Seit Miltons Erstveröffentlichung wurde die Theorie durch mehrere Studien gestützt. Besonders einflussreich war die Forschung von Catherine Crompton und ihrem Team an der University of Edinburgh (2020).

Das „Stille Post“-Experiment

Crompton und Kollegen untersuchten, wie gut Informationen in Ketten von Personen weitergegeben werden – ähnlich dem Kinderspiel „Stille Post“. Das Ergebnis war bemerkenswert:

  • Autistische Ketten (Information wird von autistischer zu autistischer Person weitergegeben): Die Information blieb genauso gut erhalten wie in nicht-autistischen Ketten.
  • Nicht-autistische Ketten: Ebenfalls gute Informationsweitergabe.
  • Gemischte Ketten (autistische und nicht-autistische Personen abwechselnd): Hier ging die Information deutlich schneller verloren.

Dieses Ergebnis zeigt: Das Problem liegt nicht in der autistischen Kommunikation an sich, sondern in der Schnittstelle zwischen zwei Kommunikationsstilen. Autistische Menschen kommunizieren untereinander ebenso effektiv wie nicht-autistische Menschen untereinander.

Forschungsergebnis: Weitere Studien zeigen, dass autistische Menschen untereinander schneller Vertrauen aufbauen, sich besser verstanden fühlen und engere soziale Bindungen eingehen als in gemischten Gruppen. Das widerspricht der Annahme eines generellen „sozialen Defizits“.

Was bedeutet das für Therapie, Bildung und Beziehungen?

Therapie neu denken

Wenn Kommunikationsprobleme keine Einbahnstraße sind, dann reicht es nicht, nur die autistische Person zu „trainieren“. Stattdessen sollten Therapieansätze darauf abzielen, gegenseitiges Verständnis zu fördern – auf beiden Seiten. Das bedeutet konkret:

  • Therapeuten, Lehrkräfte und Bezugspersonen sollten lernen, autistische Kommunikation zu verstehen und zu respektieren – nicht nur umgekehrt.
  • Autistische Kommunikationsstile (z. B. weniger Blickkontakt, direkte Sprache, Infodumping über Spezialinteressen) sollten als gleichwertig anerkannt werden, nicht als „zu korrigierende Defizite“.
  • Das Ziel von Therapie sollte nicht Anpassung an nicht-autistische Normen sein, sondern wechselseitige Kommunikationsfähigkeit.

Schule und Bildung

In der Schule zeigt sich das Double Empathy Problem besonders deutlich. Lehrkräfte interpretieren autistisches Verhalten oft durch eine nicht-autistische Brille:

  • Fehlender Blickkontakt wird als Desinteresse gedeutet – dabei kann Wegsehen die Konzentration erhöhen.
  • Direkte, ungefilterte Äußerungen werden als „unhöflich“ empfunden – obwohl sie ehrlich und ohne böse Absicht gemeint sind.
  • Zurückgezogenheit wird als „soziale Schwierigkeiten“ beschrieben – während das Kind möglicherweise einfach einen anderen Rhythmus für soziale Interaktion hat.

Ein Bewusstsein für das Double Empathy Problem kann Lehrkräften helfen, autistisches Verhalten nicht mehr als Defizit zu sehen, sondern als Ausdruck einer anderen, gleichwertigen Art der Weltwahrnehmung.

Tipp für Eltern: Wenn Lehrkräfte Ihnen sagen, Ihr Kind habe „soziale Defizite“, fragen Sie nach: „Hat mein Kind Schwierigkeiten mit allen Kindern – oder vor allem mit nicht-autistischen Kindern?“ Oft zeigt sich, dass autistische Kinder mit anderen autistischen oder neurodivergenten Kindern gut kommunizieren. Das Problem ist dann kein Defizit, sondern ein Kompatibilitätsthema.

Was bedeutet das für Eltern?

Das Double Empathy Problem hat für Eltern autistischer Kinder einige wichtige Implikationen:

  • Es entlastet: Wenn Ihr Kind Schwierigkeiten in der Kommunikation mit anderen hat, liegt das nicht daran, dass es „kaputt“ ist oder etwas Grundlegendes nicht kann. Es hat eine andere Art zu kommunizieren, die in einer nicht-autistischen Umgebung oft nicht erkannt oder gewertschätzt wird.
  • Es verändert die Perspektive: Statt sich zu fragen „Wie bringen wir unserem Kind bei, sich normal zu verhalten?“, wird die Frage: „Wie können wir die Kommunikation unseres Kindes besser verstehen – und wie kann die Umgebung sich anpassen?“
  • Es stärkt die Fürsprache: Mit diesem Wissen können Sie Therapeuten, Lehrkräften und Ärzten gegenüber erklären, warum einseitige Anpassung nicht das Ziel sein sollte.
  • Es fördert autistische Gemeinschaft: Kontakt zu anderen autistischen Kindern und Erwachsenen kann für Ihr Kind von unschätzbarem Wert sein – ein Raum, in dem seine Kommunikationsart die „Norm“ ist.

Das Double Empathy Problem lädt uns ein, unsere eigene Position zu hinterfragen. Auch wir als nicht-autistische Eltern haben „blinde Flecken“ in unserer Wahrnehmung. Wenn unser Kind uns nicht versteht, liegt es vielleicht nicht daran, dass es nicht kann – sondern daran, dass wir es auf eine Weise sagen, die für sein neurologisches System schwer zu verarbeiten ist.

Fazit

Das Double Empathy Problem ist mehr als eine akademische Theorie – es ist ein Paradigmenwechsel. Es verschiebt die Verantwortung für gelingende Kommunikation von der autistischen Person auf beide Seiten. Es ersetzt die Frage „Was stimmt mit dieser Person nicht?“ durch die Frage „Was brauchen wir beide, um einander zu verstehen?“ Für Eltern, Lehrkräfte und Therapeuten bedeutet das: Nicht nur das autistische Kind soll lernen – auch wir müssen bereit sein, unsere Kommunikation anzupassen, autistische Ausdrucksformen zu respektieren und die Begegnung als das zu sehen, was sie ist: ein Aufeinandertreffen zweier gleichwertiger Welten.

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