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Mein Kind zeigt Anzeichen von Depression oder Angst - was tun?

Depressionen und Angststörungen gehören zu den häufigsten Begleiterkrankungen bei Autismus. Studien zeigen, dass bis zu 70 % aller autistischen Jugendlichen mindestens einmal im Leben eine Angststörung und etwa 40 % eine depressive Episode erleben. Damit ist das Risiko deutlich höher als bei neurotypischen Gleichaltrigen. Für Eltern ist es entscheidend, Warnsignale früh zu erkennen — denn bei autistischen Teenagern sehen Depressionen und Ängste oft anders aus als erwartet.

Warum sind autistische Teenager besonders gefährdet?

Mehrere Faktoren wirken zusammen:

  • Dauerhaftes Masking: Viele autistische Jugendliche versuchen, in der Schule und im Freundeskreis „normal" zu wirken. Diese permanente Anpassungsleistung ist extrem erschöpfend und ein wesentlicher Risikofaktor für Burnout und Depression.
  • Soziale Isolation: Trotz des Wunsches nach Freundschaften gelingt der Anschluss oft nicht. Wiederholte Erfahrungen von Ausgrenzung und Mobbing hinterlassen Spuren.
  • Sensorische Überlastung: Der Schulalltag mit Lärm, Menschenmengen und unvorhersehbaren Situationen kann chronischen Stress verursachen.
  • Schwierige Übergänge: Die Pubertät bringt ohnehin viele Veränderungen — für autistische Jugendliche, die auf Routine angewiesen sind, kann das besonders destabilisierend sein.
  • Alexithymie: Viele Autist*innen haben Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu identifizieren und zu benennen. Eine Depression kann sich dann lange aufbauen, bevor sie bemerkt wird.

Woran erkenne ich Depressionen bei meinem autistischen Kind?

Die klassischen Symptome einer Depression (Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit) können bei autistischen Teenagern anders in Erscheinung treten:

Typische Anzeichen

  • Verstärkter Rückzug: Noch weniger soziale Kontakte als ohnehin, auch Vermeidung von bisher tolerierten Situationen
  • Veränderung bei Spezialinteressen: Plötzliches Desinteresse an Themen, die vorher leidenschaftlich verfolgt wurden — das ist ein starkes Warnsignal
  • Zunahme von Meltdowns oder Shutdowns: Häufigere emotionale Zusammenbrüche oder Phasen völliger Erstarrung
  • Schlafprobleme: Einschlafstörungen, sehr frühes Erwachen oder übermäßig langes Schlafen
  • Verändertes Essverhalten: Deutlich mehr oder weniger essen, neue Nahrungsverweigerungen
  • Körperliche Beschwerden: Häufige Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Übelkeit ohne medizinischen Befund
  • Reizbarkeit und Aggression: Bei Jugendlichen zeigt sich Depression häufiger als Gereiztheit denn als Traurigkeit
  • Selbstverletzendes Verhalten: Ritzen, Haare ausreißen, sich selbst schlagen — manchmal schwer von autistischen Stimming-Verhaltensweisen zu unterscheiden

Anzeichen für Angststörungen

  • Schulvermeidung: Zunehmende Weigerung, zur Schule zu gehen, oft verbunden mit körperlichen Beschwerden am Morgen
  • Rigideres Verhalten: Noch stärkeres Bestehen auf Routinen, Panik bei kleinen Planänderungen
  • Vermeidungsverhalten: Immer mehr Situationen werden als „zu schwierig" eingestuft
  • Katastrophendenken: Ständige Sorge, dass etwas Schlimmes passieren wird
  • Zwangsähnliche Verhaltensweisen: Übermäßiges Kontrollieren, Nachfragen oder Wiederholen

Was kann ich als Elternteil tun?

1. Symptome ernst nehmen — nicht auf den Autismus schieben

Eine der größten Gefahren ist das sogenannte „Diagnostic Overshadowing": Symptome einer Depression oder Angststörung werden fälschlich als Teil des Autismus interpretiert und nicht behandelt. Rückzug, Reizbarkeit oder Schlafprobleme können autismustypisch sein — aber wenn sich etwas deutlich verändert, ist das ein Warnsignal, das eigenständig abgeklärt werden muss.

2. Professionelle Hilfe suchen

Wenden Sie sich an eine Fachperson, die Erfahrung mit Autismus und psychischen Erkrankungen hat. Die Suche kann schwierig sein — folgende Wege können helfen:

  • Kinder- und Jugendpsychiater*in — für Diagnostik und ggf. medikamentöse Behandlung
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*in — für Gesprächstherapie, idealerweise mit Autismus-Erfahrung
  • Autismus-Therapie-Zentren (ATZ) — können oft weitervermitteln
  • Krisendienste: Bei akuter Gefährdung die Notaufnahme einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufsuchen

3. Anforderungen reduzieren

Wenn Ihr Kind in einer depressiven Phase steckt, ist es nicht der richtige Zeitpunkt für „Durchhalten". Prüfen Sie gemeinsam:

  • Kann die Schulbelastung vorübergehend reduziert werden? (Nachteilsausgleich, Teilzeitbeschulung, temporäre Befreiung)
  • Welche sozialen Termine können wegfallen, ohne dass es langfristig schadet?
  • Welche Therapien oder Fördermaßnahmen sind gerade wirklich nötig — und welche erzeugen zusätzlichen Druck?

4. Präsent sein, ohne zu drängen

Autistische Jugendliche können oft nicht in Worte fassen, wie es ihnen geht. Drängen Sie nicht auf Gespräche, aber zeigen Sie, dass Sie da sind:

  • „Du musst mir nichts erzählen, aber ich bin da, wenn du möchtest."
  • Gemeinsame Aktivitäten ohne Gesprächsdruck (z. B. nebeneinander sitzen, etwas zusammen anschauen)
  • Manchmal hilft Schreiben: ein geteiltes Notizbuch oder Chat-Nachrichten können leichter sein als gesprochene Worte

5. Struktur und Vorhersehbarkeit bieten

Gerade in einer Krise brauchen autistische Jugendliche mehr Struktur, nicht weniger. Feste Tagesabläufe, klare Erwartungen und verlässliche Rituale geben Sicherheit. Reduzieren Sie Überraschungen und informieren Sie Ihr Kind frühzeitig über Veränderungen.

6. Auf sich selbst achten

Die psychische Erkrankung Ihres Kindes mitzuerleben ist belastend. Holen Sie sich selbst Unterstützung — in Elterngruppen, durch eigene Beratung oder im Austausch mit anderen betroffenen Familien.

Medikamente — ja oder nein?

Bei mittelschweren bis schweren Depressionen oder Angststörungen können Medikamente (meist SSRIs) sinnvoll sein. Wichtig zu wissen:

  • Autistische Menschen reagieren teilweise empfindlicher auf Psychopharmaka — niedrige Anfangsdosis und langsame Steigerung sind wichtig
  • Medikamente ersetzen keine Therapie, können aber die Voraussetzung schaffen, dass Therapie überhaupt möglich wird
  • Die Entscheidung sollte gemeinsam mit einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater getroffen werden

Bei akuter Krise oder Suizidgedanken:

  • Telefonseelsorge: 0800-1110111 oder 0800-1110222 (kostenlos, 24/7)
  • Kinder- und Jugendtelefon: 116 111 (kostenlos, Mo–Sa 14–20 Uhr)
  • Online-Beratung: online.telefonseelsorge.de (Chat und Mail)
  • Notfall: 112 oder nächste Kinder- und Jugendpsychiatrie

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