Autistische Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für verschiedene körperliche und psychische Begleiterkrankungen (Komorbiditäten). Eine Metaanalyse ergab unter anderem: 28 % ADHS, 20 % Angststörungen, 13 % Schlafstörungen, 12 % disruptive Störungen, 11 % depressive Störungen und 9 % Zwangsstörungen. Das Wissen über diese Zusammenhänge ist wichtig für eine gute Gesundheitsversorgung.
Psychische Komorbiditäten
- Depressionen: Sehr häufig, oft als Folge von sozialer Isolation, Masking-Erschöpfung und Stigma-Erfahrungen
- Angststörungen: Soziale Angst, generalisierte Angst und Panikattacken kommen deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung
- Autistisches Burnout: Ein Zustand chronischer Erschöpfung durch langfristiges Maskieren und Überlastung — unterscheidet sich vom klassischen Burnout
- ADHS: Viele autistische Menschen haben zusätzlich ADHS, was die Diagnostik und Behandlung erschweren kann
- Zwangsstörungen (OCD): Die Abgrenzung zu autistischen Ritualen ist wichtig für die richtige Behandlung
Schlafstörungen
40 bis 80 % der autistischen Menschen berichten von Schlafproblemen. Häufige Ursachen sind eine veränderte Melatonin-Produktion, sensorische Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder Licht und Schwierigkeiten beim „Abschalten" der Gedanken. Hilfreiche Maßnahmen:
- Konsequente Schlafhygiene und feste Schlafenszeiten
- Abdunklung und Geräuschreduktion im Schlafzimmer
- Gewichtsdecken können beruhigend wirken
- Melatonin-Supplementierung nach ärztlicher Beratung
Magen-Darm-Beschwerden
Gastrointestinale Probleme sind bei autistischen Menschen überproportional häufig. Reizdarmsyndrom, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und chronische Verdauungsbeschwerden kommen deutlich häufiger vor. Die Ursachen sind noch nicht vollständig verstanden, aber die Darm-Hirn-Achse spielt vermutlich eine Rolle.
Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS)
Menschen mit EDS haben ein 7,4-fach höheres Risiko für Autismus im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung — rund 39 % der Menschen mit EDS erfüllen die diagnostischen Kriterien für eine Autismus-Spektrum-Störung. Umgekehrt sollten autistische Menschen, die unter Hypermobilität, chronischen Schmerzen oder häufigen Gelenkproblemen leiden, eine EDS-Diagnostik in Betracht ziehen.
Erschöpfung und Fatigue
Chronische Erschöpfung ist eines der häufigsten Probleme autistischer Erwachsener. Sie entsteht durch die ständige Anpassungsleistung an eine neurotypische Umwelt, sensorische Überstimulation und den Energieverbrauch durch Masking.
Tipps für die Gesundheitsversorgung
- Autismuserfahrene Ärzte suchen: Über Autismus-Therapiezentren oder Selbsthilfegruppen Empfehlungen einholen
- Kommunikationsbedürfnisse benennen: Ärzte informieren, dass Sie z. B. mehr Zeit, schriftliche Informationen oder reizarme Warteräume benötigen
- Symptom-Tagebuch führen: Schriftliche Dokumentation hilft, Beschwerden genau zu beschreiben
- Begleitperson mitnehmen: Bei schwierigen Terminen kann eine Vertrauensperson unterstützen
- Auf Interozeption achten: Viele autistische Menschen nehmen körperliche Signale wie Schmerz, Hunger oder Durst verzögert oder anders wahr