Juni-Treffen – Schule, Anerkennung und das Ringen um Verständnis
An diesem Abend durften wir wieder zwei neue Mitglieder begrüßen. Es berührt uns jedes Mal aufs Neue, wenn Eltern den Weg zu uns finden – oft nach langer Suche, oft mit dem Gefühl, lange allein gewesen zu sein. Herzlich willkommen.
Schwerpunkt war diesmal wieder das, was uns als Gruppe am häufigsten und am tiefsten beschäftigt: die Schule. Es ist erstaunlich und zugleich bedrückend, wie sehr sich unsere Geschichten an diesem Punkt gleichen.
Wenn eine Diagnose an der Grenze ihren Wert verliert
Ein Erfahrungsbericht hat uns an diesem Abend besonders beschäftigt. Es wurde davon erzählt, wie eine Familie, die mit ihrem autistischen Kind aus dem Ausland nach Deutschland gezogen ist, hier mit einer bitteren Erfahrung konfrontiert wurde: Eine im Herkunftsland gestellte Diagnose wurde nicht ohne Weiteres anerkannt – und der gesamte Diagnoseprozess musste praktisch von vorne beginnen, mit allem, was dazugehört: Wartelisten, Termine, Gutachten, Unsicherheit.
Wir können und wollen nicht beurteilen, wie die Rechtslage im Detail aussieht. Aber als Eltern hat uns diese Schilderung nachdenklich gemacht. Denn eine Diagnose ist für unsere Kinder kein Stück Papier. Sie ist der Schlüssel zu Unterstützung, zu Nachteilsausgleichen, zu einem Schulalltag, der überhaupt machbar ist. Wenn dieser Schlüssel beim Umzug über eine Grenze nicht mehr greift, verlieren Kinder kostbare Zeit – Zeit, in der sie ohne Schutz und ohne Förderung dastehen.
Für uns steht deshalb die Frage im Raum, ob es hier nicht Handlungsbedarf gibt. Ein einmal sorgfältig diagnostizierter Autismus verändert sich nicht an einer Landesgrenze. Wünschenswert wären Wege, fundierte Diagnosen anzuerkennen oder zumindest unbürokratisch und schnell zu bestätigen, statt Familien in einer ohnehin belastenden Situation noch einmal von vorne beginnen zu lassen.
Wie fängt Mobbing eigentlich an?
Ein weiterer Gedanke hat uns lange beschäftigt: Wie fängt Mobbing eigentlich an? Beginnt es wirklich immer unter den Kindern – oder nimmt es manchmal schon früher seinen Anfang, bei den Erwachsenen, die eine Gruppe führen und leiten?
Wenn Pädagoginnen und Pädagogen das Abweichen unserer Kinder ständig problematisieren – und das vor der ganzen Gruppe –, dann öffnen sich womöglich die Tore zum Mobbing. Kinder sehen bei dem Erwachsenen, der führt und leitet, das Abweichen, das Problem, die „Störerin“. Wir glauben eigentlich, dass Kinder gerade in der Frühphase noch offen sind und alle Formen und Bedürfnisse der anderen akzeptieren. Doch so erhalten sie vielleicht den Kontext, dass etwas nicht stimmt. Das autistische Kind wird dann als „komisch“ gelabelt.
Warum das Abweichen so schnell zum Problem erklärt und ein Kind als „komisch“ gelabelt wird, hat viel mit unserem Umgang mit Anderssein und Mehrdeutigkeit zu tun. Diese Ambiguitäts- und Identitätsthematik betrachten wir in unserem Artikel Das inklusive Mindset ausführlicher.
Bitte nicht falsch verstehen: Solche Dynamiken können auch ohne Zutun der Erwachsenen entstehen. Aber wir sind überzeugt, dass es helfen kann, Mobbing zu verhindern, wenn man einen anderen Weg geht:
Statt zu ermahnen und zu sanktionieren, jedem Kind den Raum geben, anders zu sein.
Empathie für die Lehrkräfte
Und doch sehen wir dieselben Pädagoginnen und Pädagogen, die wir hier kritisieren, zugleich oft überfordert und allein gelassen. Beides gehört für uns zusammen – deshalb war es uns als Eltern an diesem Abend wichtig, auch diese Seite ehrlich zu benennen. Wir empfinden viel Empathie für die Lehrkräfte. Wir sehen, dass sie oft allein gelassen werden und ihnen Unterstützung fehlt.
Manchmal mangelt es schlicht an Erfahrung. Und wir kennen kaum niedrigschwellige Hilfsangebote für Lehrkräfte: Wie erstelle ich einen Förderplan? Was sind meine Rechte und Pflichten im Umgang mit autistischen Kindern? Das sind komplexe Themen – und sie dürfen nicht der Selbstorganisation und Selbstmotivation einzelner Pädagoginnen und Pädagogen überlassen bleiben.
Es braucht Strukturen, Peer-Groups und vor allem (Arbeits-)Zeit, um sich auch über die eigene Schule hinaus mit anderen Lehrkräften auszutauschen. Vielleicht gibt es das hier und da. Aber wir haben nicht das Gefühl, dass es in Mecklenburg-Vorpommern flächendeckend der Fall ist.
Wenn Information und Aufklärung nicht reichen
Und dann gibt es noch die Fälle, in denen auch Information und Aufklärung nicht weiterhelfen. Manchmal ist mangelhafte Inklusion nämlich nicht das Ergebnis fehlenden Wissens, sondern eines anderen Wertesystems.
Wie verhandelt man mit einem Pädagogen, der überzeugt ist, aufgeklärter und besser informiert zu sein? Der scheinbar alles weiß und einem die eigenen Erfahrungen abspricht? Informationen und Aufklärung der Eltern werden dann nicht angenommen, sondern als falsch abgestempelt. Hier prallen zwei Welten aufeinander.
Wir Eltern sehen, was die aus unserer Sicht „falsche“ Behandlung unserer Kinder in der Schule mit ihnen macht. Auf der anderen Seite entgeht uns manchmal der Blick für die Härte des Lehreralltags. Zurück bleibt ein tiefer Graben aus Misstrauen – und der steht einer konstruktiven Zusammenarbeit im Weg.
Eigentlich bräuchte es an dieser Stelle Mediation, um beide Parteien wieder zueinanderzuführen. Auch hier gibt es einen Bedarf, der bislang kaum geweckt wird.
Eine klare Buchempfehlung
Zum Schluss noch ein Lichtblick, der an diesem Abend mehrfach genannt wurde: Viele von uns haben das Buch „Der Junge, der zu viel fühlte“ von Lorenz Wagner gelesen und weiterempfohlen. Deshalb auch hier noch einmal die klare Empfehlung. Die weiteren genannten Bücher werden wir unserer Bücherliste hinzufügen.
Es war ein Abend, der gezeigt hat, wie eng unsere Themen miteinander verwoben sind – und wie wichtig es ist, dass wir sie nicht nur untereinander besprechen, sondern auch nach außen tragen. Genau dafür sind wir da.